Adriawärme und Tourismus-Terror

Der Hobbit-Camping (offiziell heißt er „Camp Velebit“, nach dem gleichnamigen Naturpark) erwacht im Nebel. Schließlich haben wir Mitte Oktober und befinden uns (noch) in der Bergregion. Mühsam leckt die Morgensonne die Nebelschwaden aus dem kleinen Tal – und trocknet auch den Bulli. Nach Duschen und Frühstücken und nettem Plausch mit dem Betreiber ist es höchste Zeit für die Küste! Die Küsten-Bergkette muss noch über einen kleinen Pass bezwungen werden, dann geht es hinab in die wohlige Wärme – und das mit atemberaubenden Fernsichten auf die Küste und die vorgelagerten Inseln.

IMG_6190

IMG_6193

Auf dem Programm steht die Insel Pag, ein langes, schmales Band Felsen vor der Küste Kroatiens. Insbesondere: der Nordpunkt. Solche „Enden einer langen Straße“, solche „Punkte, wo es nicht mehr weiter geht“ üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus – egal, wie unspektakulär sie eventuell sind.

IMG_6201

Hier wird erwartungsgemäß die Straße auf ihren 60 Kilometern immer schmaler, weniger ausgebaut, und am Nordpunkt endet sie dann tatsächlich recht romantisch mit einer Steilabfahrt in das Fischerdörfchen Tovarnele. Der dort ausgeschriebene Stellplatz erwies sich jedoch als mit Verbotsschildern bepflastert und obendrein laufen überall Touris rum, ein weiterer Freihsteherplatz mit Strandbar war laut Kommentaren schon mehrfach mit 1000 Kuna (130 €) Bußgeld belegt worden. Als ich mich dort umsah, standen direkt am Strand Zirkusleute, ich hatte weiter oben angehalten und wenig später kam jemand von der Strandbar wild gestikulierend in meine Richtung.

Die Campingplätze in der direkten Umgebung waren auch keine Empfehlung, also viel meine Wahl auf einen, der schon etwas weiter auf der Rückroute lag. Schön abseits vom Dorf direkt am Strand gelegen, ein (der einzige?) Gast winkte mir zu: der Chef sei gerade nicht da, ich solle mir einfach einen Platz suchen. Da steh ich nun und frage mich, was wird, wenn der Betreiber morgen früh auch nicht da ist?

IMG_6205

Ach übrigens witzig: Ich stehe ziemlich genau gegenüber dem Punkt mit der Strandbar.

Später kommt noch ein Pärchen mit Zelt und Zweirad und lässt sich unweit nieder. Sie erzählen, der Betreiber sei kurz da gewesen, jetzt aber wieder weg. Hm. Schaumermal.

Eine Fahrt ins Graue

IMG_6140

Loch Ness(ie) war dann wohl doch schon im Winterschlaf, und die direkt benachbarten Häuser offensichtlich auch schon. Nur der Postbote kam noch für das letzte Haus am Ende der Straße, und das bereits erwähnte Pärchen. Danach war es sagenhaft ruhig an diesem kleinen aber vermutlich recht tiefen See, der aus der am anderen Ende liegenden Felswand gespeist wurde und unterirdisch entwässerte. Beizeiten ging es wieder los, Richtung Binnenland fahrend kam ich auf dieser Höhe doch schnell wieder zu den Plitvicer Seen, also habe ich mir noch die Zufahrt „hintenrum“ angesehen, die wir beim offiziellen Besuch vor einer Woche schon entdeckt hatten.

Allerdings war der ganze Vormittag eher eine Fahrt ins Graue – der Nebel wollte sich einfach nicht lichten. Das Grau-in-Grau passt zu den zerschossenen Hausruinen, deprimierende Relikte des Balkankrieges.

IMG_6146

Also kurzentschlossen wieder Richtung Küste und Mittelmeerklima. Dabei kam ich teilweise wieder auf die GO-Route, wenn auch andersrum. So viele Streckenvarianten gibt es hier eben nicht. Schon wieder im Neuland kam ich an den Fluss Lika, der sich dort canyonartig durch die Landschaft schlängelt, später zu einem See aufgestaut wird und danach in der Karstlandschaft versinkt…inzwischen war auch die Sonne wieder mit von der Partie. Das gab tolle Bilder.

IMG_6150IMG_6154IMG_6155

Nach etwas Zick-zack stehe ich jetzt am „Hobbit-Camping-Velebit“, endlich einer mit Single-Reisenden-freundlicher Preisstruktur. Ich bin der einzige Gast, also freie Platzwahl. Der Betreiber sprich ausgezeichnet Englisch und ist sehr freundlich.

IMG_6156Ich nutze das WLAN, um den vorigen Bericht hochzuladen und dann geht’s auch schon ab in die Falle.

Abschied von der Insel und ab ins Hinterland

Wie das immer so ist: Am Morgen nach der Übernachtung findet man die tollsten Platze. Krk hat ja viele Stichstraßen, die am Wasser enden. So auch die von Punat.

IMG_6118

Und ganz am Ende, da, wo’s wirklich nicht mehr weitergeht, ist eine traumhafte, einsame Bucht, wo man vermutlich auch nachts nicht von den Ordnungshütern belästigt wird…

IMG_6123

OK, OK, ich bin ehrlich (Google Earth hätte es sowieso verraten): Dort geht eine Hochspannungsleitung in ein Seekabel über, was offensichtlich einen großen, hässlichen Betonbau erfordert, der dort rumsteht. Also doch nur bedingt paradiesisch.

Um mein Bild der Insel abzurunden, durchfahre ich auch noch die Dörfer im Nordosten, um schließlich wieder ans Festland zurückzukehren. Die Richtung Süden führende, berühmt-berüchtigte Küstenstraße hatten wir ja schon im Rahmen des GO „abgehakt“, zumindest bis Senj, deshalb hatte ich mich entschlossen, jetzt eine parallel verlaufende, deutlich kleinere Straße zu befahren.

IMG_6129

IMG_6133

Die führte quasi direkt unter den Steilhängen der ersten Bergkette entlang, bis diese bei Bribir zurückwich und damit einen Einstieg ins Hinterland freigab. Ein stürmischer Wind fegte durch diese Schneise zur See, in der kargen aber beeindruckenden Landschaft konnten sich nur Sträucher halten. Weiter im Inland wurde der Wind weniger, die Bäume mehr und die Straße kurviger. All überall war die Holzgewinnung in vollem Gange.

Und dann kam wieder so ein Geräusch, was keiner mag. Ein Schaben, rhythmisch. Ich fuhr langsamer, um das Geräusch besser zu hören. Krrrt – krrrt – krrrt. Aber obwohl ich langsamer fuhr, wurde das Geräusch nicht langsamer. Hä? Wie geht das? Was soll das sein? Ich fuhr noch langsamer, das Geräusch wurde noch deutlicher – und irgendwie kannte ich es auch. Im selben Moment fiel mein Auge auf das Autoradio. Das war auf ein Mal an – und drin lief die Schranz-CD von Chris Liebing. Noch Fragen?? Selten so über mich selbst gelacht. Böse Zungen behaupten ja sowieso, Schranz sei keine Musik, sondern nur Lärm…

Nach diesem „Schock“ galt es, so langsam ein Quartier für die Nacht anzupeilen. Nach der kostspieligen Nacht in Krk wollte ich diesmal einen Freisteherplatz wagen – trotz aller Warnungen, die bezüglich Kroatien ausgesprochen waren. Zudem waren die in Frage kommenden Campingplätze keine Empfehlungen, aber trotzdem teuer.

Die Wahl fiel auf einen kleinen See, der an einer Sackgasse lag (gutes Vorzeichen), allerdings direkt am Ortsrand (weniger gut). Am frühen Abend kam ein Pärchen hinzu, die ein wenig um den See gedaddelt ist, sonst blieb alles still.

IMG_6143

Ob ich problemlos aus dieser Nummer raus gekommen bin, lest ihr dann im nächsten Beitrag.

 

Krk – es geht auch ohne Vokale

Neben der gleichnamigen Inselhauptstadt gibt es auch noch das Örtchen Vrh – Vokale werden völlig überbewertet, finden die Kroaten.

Großes Lob an den Campingspezialisten in Triest. Er hat in seinem Google-Eintrag nicht zu viel versprochen: hier gibt es wirklich alles. Auch Camping-Gaz-Flaschen in allen möglichen Größen. Und er hatte sogar schon vor den angekündigten 8:30 Uhr auf. Dafür sprach die Dame so gut wie kein Englisch, und Parken war eine Katastrophe. Aber  nichts, was nicht zu lösen war.

Die Route nach Krk habe ich Google berechnen lassen – natürlich ohne Autobahnen. Die beiden Grenzübertritte waren problemlos, wobei angemerkt sei, das von Kroatien nach Slowenien beträchtlicher Andrang, vor allem von LKW verursacht, war. Hinter der Grenze schickt mich Google schon bald auf eine ruhige Nebenstraße. Zeit für ein Käffchen, schließlich hatte ich ja wieder Gas.

IMG_6109

Ein weißer Caddy-Kasten schleicht vorbei und hält kurze Zeit später hinter mir an. Grenzpolizei! Ausweis und Fahrzeugpapiere. Offensichtlich falle ich dann doch nicht in ihr Beuteraster, sie schauen noch etwas in den Bus hinein („Oldtimer? Ja. Welches Jahr?“).

Merke also: Nicht unbedingt in der Grenzregion „sinnlos“ anhalten…

In der Umfahrung von Rijeka lande ich auf der GO-Route, bis ich bei Bakar in einem Spaghettiknoten von an, in und über den Berg gebauten Brücken nach Krk abzweige.

Die beeindruckende Brücke auf die Insel ist gebührenpflichtig, 6 Euro irgendwas werden fällig.

IMG_6127

Auf Krk schlägt einem zuerst der Kommerz um die Ohren: Werbetafeln säumen die Straße, riesige Supermärkte ebenso. Weiter im Inland wird es dann deutlich ruhiger. Den südlichsten Ort, Baška, habe ich mir angesehen,…

IMG_6114

…dann geht’s zum Campingplatz. Endlich mal wieder duschen!

IMG_6115

Triest

IMG_6108Der Morgen fängt gut an: die Gasflasche ist alle. Super – an einem Sonntagmorgen! Nun ist Camping Gaz ja eine französische Erfindung, also rechne ich mir in Italien noch recht gute, in Slowenien eher schlechte Chancen aus, Ersatz zu finden (PS: steht auch auf der Flasche: eintauschbar u.a. in Italien, nicht aber Slowenien). Also muss ich den Sonntag außerplanmäßig noch im Triester Raum verbringen. Ich daddel ein wenig in den Dörfern oberhalb Triests rum, aber noch auf der italienischen Seite verbleibend. Das Wetter bessert sich auch, ab und zu schaut die Sonne durch. Hier und dort gehe ich etwas in den Wald hinein und wunder mich über die allseits vorhandenen Mäuerchen im Wald. Zur Abgrenzungen von Flurstücken? Dazu sind es zu viele, zu verquere. Aber wozu sonst? Ideen und Vorschläge gerne in die Kommentare 🙂

IMG_6105

Die warme Sonne gibt mir auch Gelegenheit, das Auto mal gut durchzulüften, nach dem Regen -und überhaupt- tut das mal ganz gut.

Der nächste „offizielle“ Camping-Gaz-Händler wäre übrigens in Udine – ich hoffe, dass der lokale „Campingspezialist“ in Triest aber auch diese Gasflaschen führt – seine google-Bewertungen stimmen optimistisch. Im nächsten Bericht erfahrt ihr es.

IMG_6104

Mangart

Der Nachtplatz stellt sich bei Tageslicht als durchaus attraktiv raus, und hätte ich mich getraut, etwa weiter zu fahren, hätte ich sogar schön im Wald gestanden (und außer Sichtweite der Straße). Aber im Dunkeln war die Qualität des Weges nicht abzuschätzen…

Auch im Hellen finde ich den Nachtplatz von 2006 nicht. Muß nochmal im alten Roadbook nachlesen, vielleicht war ich noch nicht weit genug. Heute also noch Mal über den Paso di Predil zurück nach Slowenien. Kurz hinter dem Paß mach ich einen kurzen Zwischenstopp an der Festung Kruž, neben der der Fluß in einer bestenfalls einen Meter breiten, aber ordentlich tiefen Schlucht vorbeirauscht.

IMG_6102

Kurz danach folgt der Abzweig zum Mangart. Der Berg selbst ist 2679 Meter hoch, der befahrbare Sattel gut 2000, erreichbar über eine spektakuläre Straße mit bis zu 22% Steigung.

IMG_6080IMG_6082IMG_6085

Doch was ist das: schon weit oben auf einmal ein Sperrschild: Felssturz, Verboten für Fahrzeuge und Fußgänger! Als braver Deutscher hält man natürlich auf dem Wendeplatz an, sieht dann einen Ungarn nur kurz stutzen und dann weiterfahren. Eine kurze Internetrecherche ergibt dann, dass wohl sogar der Pförtner, der unten fünf Euro Maut kassiert hat, sagt, man könne ruhig bis oben fahren. Also los.

IMG_6087

Der Felssturz ist tatsächlich längst geräumt, und es ist freie Fahrt bis oben, wo man in einer Schleife über den Sattel geleitet wird. Dort parkt auch der Ungar, offensichtlich ist er wandern, sonst ist keine Menschenseele oben. Mir ist es viel zu zugig, außerdem lausig kalt, zudem ziehen Regenwolken auf: Zeit für den Abstieg.

IMG_6091

Ich schleiche mich nochmals an die Goldener-Oktober-Strecke ran und nehme die slowenische Grenzkammstraße in Angriff, die wir ja in Lig wegen meines Limaproblems verlassen haben. Besonders schön ein Schotterstück, das direkt am Grenzfluss entlangführt.

IMG_6103

In Nova Gorica war Einkaufen angesagt, schließlich stand der Sonntag vor der Tür. Als Nachtplatz hatte ich mir einen Parkplatz an dem Doberdo-See (der zwar auf der Anfahrt, aber von dort nicht zu sehen war) ausgesucht. Der Platz war schön ruhig, aber der nächtliche Regen hat genervt. In den frühen Morgenstunden hat er aufgehört, so konnte ich doch etwas schlafen.

Postojna & Abschied von GO-Team

In unmittelbarer Nähe des Campingplatzes erwarten uns die Grotten von Postojna, auch als Adelsberg bekannt. Sie wurden bereits im 16. Jahrhundert touristisch erschlossen, erst noch mit Fackeln und Kerzen sowie handgeschobenen Waggons, doch schon Ende des 19. Jahrhunderts zog elektrisches Licht ein, später auch eine elektrische Höhlenbahn, mit der man heute noch 3,5 der 5 Kilometer des touristischen Teils befährt. Die Höhle besticht durch ihre Größe, vor allem aber durch ihre Vielfalt und Farbvariationen der Tropfsteingebilde. Allerdings ist sie, wie übrigens auch die anderen Sehenswürdigkeiten dieser Tour, selbst weit außerhalb der Saison von Asiaten geradezu überlaufen.

IMG_6046

IMG_6042

Nach der Besichtigung fahren wir wiederum über kleine und vereinsamte Sträßchen durch das slowenische Hinterland…

IMG_6011

…bis Most na Soči. Am dortigen Bahnhof hat Torsten ein besonderes Schmankerl vorbereitet: eine Bahnverladung mit Kammdurchstich bis nach Bohinjska Bistrica. Die Bullis reihen sich auf offenen Flachwagen, teilweise ohne Geländer, auf. Wir belegen fast den ganzen Zug! Ein einziger Personenwaggon fährt noch mit.

IMG_6051

Die Diesellok hat gut zu tun mit der historischen Fracht.

IMG_6068

Um ja nicht durch die Städte Bled und Jesenice zu müssen, schurbeln wir uns nochmals durch traumhafte Bergwälder, meist auf Schotterpisten. Ein kleines Malheur passiert unterwegs noch: Ein Handbremshebel hatte sich gelöst und in der Bremstrommel sein Unwesen getrieben. Die geballte Fachkompetenz, die beim GO unterwegs ist, hatte den Fehler genauso schnell analysiert wie behoben.

IMG_6004

In Mojstrana, im Tal der Save, biegen wir dann auf die Hauptstraße ein, und während die Oktoberer den Wurzenpaß ansteuern, biege ich schon in Kranjska Gora ab, um den Vršič zu erklimmen.

IMG_6072

Der erste Schnee der Tour – aber noch weit weg auf den Bergflanken.

Eigentlich wollte ich noch dem Mangart mitnehmen, aber die Zeit sitzt mir im Nacken, will ich doch in Italien nächtigen. Also nur den Passo del Predil rüber und den Nachtplatz der 2009er Tour gesucht – und im Dunkeln natürlich nicht gefunden. Ein kleiner Waldweg bietet mir stattdessen Unterschlupf, das war das Bestmögliche in der Finsternis. Nachts röhren im Wald irgendwelche Tiere, wirklich hilfreich zum Einschlafen ist das nicht!

IMG_6075